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Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens / Hamburg



Inhalt:
Maik Hendrik SPROTTE: Konfliktaustragung in autoritären Herrschaftssystemen: Eine historische Fallstudie zur frühsozialistischen Bewegung im Japan der Meiji-Zeit. Marburg: Tectum Verlag 2001. (Zugl.: Bonn, Univ. Diss. 2001). 408 Seiten. ISBN 3-8288-8323-0. € 25,90.

Wer bisher glaubte, die Sozialisten der Meiji-Zeit als eine winzige Gruppe intellektueller Utopisten ohne politischen Einfluß ignorieren zu können, wird durch diese differenzierte wissenschaftliche Studie seine Meinung zumindest einer ernsthaften Prüfung unterziehen müssen. Wie der Autor schon in der Einleitung anmerkt, blieb die Anzahl der japanischen Sozialisten begrenzt, denn im Gegensatz zu ihrem deutschen Pendant wurde "die japanische Sozialismusbewegung ... zu keinem Zeitpunkt zu einer wirklichen, politisch einflußreichen Massenbewegung" (S. 23). Parteigründungen sozialistischer Prägung konnten beispielsweise im Jahre 1907 nur etwa ein Dutzend bzw. 160 Mitglieder gewinnen, bevor sie vom Staat wieder verboten wurden (S. 226). Damit könnte man das Thema ad acta legen bzw. in das Reich der Ideengeschichte, die sich auch mit den zuweilen esoterischen Vorstellungen gesellschaftlicher Außenseiter beschäftigt, verweisen. Wenn nicht eben doch der Aspekt wäre, daß anscheinend etwas in Japan nicht entstanden ist, was häufig zu einem wesentlichen Bestandteil westlicher Regierungsformen wurde. In dieser Hinsicht ist eine Untersuchung des frühen Sozialismus in Japan immer auch überschattet von der Frage nach den Gründen für ihr politisches und organisatorisches Scheitern. Es fällt auf, daß der Autor auf der Suche nach einer Antwort, trotz seiner expliziten Warnung vor einer Idealisierung des Meiji-Staats, bewußt auf Schwarzweißmalerei verzichtet. Er zeichnet keinen "bösen" Staat, der die "naiven" Sozialisten rücksichtslos unterdrückte. Entscheidend ist für ihn vielmehr die Wechselwirkung des durchaus repressiven Verhaltens des Meiji-Staats gegenüber Andersdenkenden einerseits und der Radikalisierung sozialistischer Intellektueller andererseits. Die Konflikte zwischen beiden Gruppen werden nicht etwa als unausweichliche Beiprodukte eines kraftvollen Modernisierungsprozesses präsentiert, sondern vor allem als Geschichte der Ideen und Taten handelnder Einzelpersonen in einem spezifischen politischen und intellektuellen Kontext. Für seine Analyse hat der Autor nicht nur die neuere wissenschaftliche Diskussion in Japan berücksichtigt, vertreten durch Obinata Sumio und Ogino Fujio, sondern auch bisher vernachlässigte Quellen aus Staats- und Universitätsarchiven in Deutschland und Japan hinzugezogen.

Bei dem Begriff des "autoritären Herrschaftssystems", der im Titel genannt wird und eingangs im Text erläutert wird, handelt es sich um eine dritte Staatsform angesiedelt zwischen Totalitarismus und Demokratie, die sich nach der Definition des deutschen Historikers Karl Dietrich Bracher auf die "Durchsetzung ständischer, militärischer, ökonomischer oder auch stammesmäßiger Machtpositionen bei Stillegung aller anderen Kräfte im Staate" konzentriert. Daraus leitet der Autor den Gegenstand seiner Arbeit ab als "Analyse der Motivation, Funktionsweise, Instrumentalisierung und Wirkung politischer Maßnahmen zur Ausschaltung eines politischen Gegners" (S. 13).

Das Buch ist in sieben Teile gegliedert. Die ersten drei Kapitel sind einführender Art. Sie bestehen aus Einleitung, einer Diskussion theoretischer Modelle zu Macht und Herrschaft und einem Kapitel zur politischen Geschichte der Meiji-Zeit. Diese Kapitel enthalten durchaus interessante Einsichten und Informationen, jedoch erscheinen sie für ein besseres Verständnis der Entwicklung des frühen Sozialismus in Japan nicht zwingend notwendig. Leser mit allgemeinen Kenntnissen zur japanischen Geschichte und mit geringer Neigung, Max Weber & Co. noch einmal Revue passieren zu lassen, sollten gleich zu den darauffolgenden Kapiteln übergehen. Das Kapitel "Die Konzeption innerer Sicherheit" beschreibt konkret den Aufbau des staatlichen Sicherheitsorgans Polizei und die durchaus kontroverse Geschichte der verschiedenen Verordnungen und Gesetze zum Versammlungs- und Vereinsrecht. Diese Entwicklung verlief nicht immer geradlinig, wie an den zahlreichen "Gründungen und Auflösungen verschiedener Polizeieinrichtungen" (S. 119) deutlich wird. Von besonderem Interesse erschien hier der vom Autor beschriebene Einfluß ausländischer Modelle, die, wie auch bei der Etablierung anderer Elemente des Meiji-Staatswesens, eine wichtige Rolle spielten. Studienreisen japanischer Gelehrter und Politiker in Europa und den Vereinigten Staaten bildeten einen wichtigen Ausgangspunkt für entsprechende konzeptionelle Ausgestaltungen, wobei das Polizeiwesen Frankreichs und Preußens eine besondere Faszination ausübte. Zusätzlich wurden ausländische Experten nach Japan eingeladen, wie etwa zur Ausbildung der japanischen Polizei. So verweist der Autor auf den deutschen Polizeihauptmann Friedrich Wilhelm Höhn, der 1885 bis 1891 an der Polizeischule in Tôkyô lehrte und mit einem Gehalt entlohnt wurde, das immerhin mehr als der Hälfte des offiziellen Gehalts des japanischen Ministerpräsidenten entsprach (S. 122). Mit der Zunahme politischer Attentate in Europa gewannen die gesetzlichen Regelungen und Maßnahmen polizeilicher Kontrolle sozialistischer und anarchistischer Aktivitäten im Ausland auch in Japan im letzten Jahrzehnt der Meiji-Zeit an Bedeutung und, wie der Autor anhand von Archivmaterialen aufzeigt, erwog die japanische Regierung einen Beitritt zum "St. Petersburger Anarchistenabkommen", das 1904 von mehreren Staaten unterzeichnet wurde. Allerdings entschied sie sich gegen solch einen Schritt, da in Japan ein "anderer Zustand" herrsche (S. 186). Das empirische Herzstück des Buchs ist das Kapitel "Entwicklungslinien der frühsozialistischen Bewegung" (S. 187-326), in dem die zunehmende Radikalisierung sozialistischer Organisationen im Mittelpunkt steht. Der Beitrag des Staats zu dieser Radikalisierung wird anhand einer Diskussion bekannter Ereignisse wie der "Roten-Fahne-Affäre" (1908) und der "Hochverratsäffare" (1910/11) ausführlich diskutiert und mit Anträgen, die seit Mai 1901 zur Genehmigung von sozialistischen Parteigründungen gestellt wurden, die das Innenministerium teilweise noch am gleichen Tag wieder ablehnte, belegt. Hinzu kommen diplomatische, politische und ideologische Auswirkungen der Aufenthalte japanischer Sozialisten in den Vereinigten Staaten und die antisozialistische Phobie der Behörden, die sich unter anderem darin ausdrückte, daß eine naturwissenschaftliche Veröffentlichung, "Die Gesellschaft der Insekten", verboten wurde nur weil das verpönte Schriftzeichen für "Gesellschaft" im Titel auftauchte (S. 317). Ohne Zweifel ist es ein Verdienst des Autors, die Radikalisierung im frühen Sozialismus nicht einzig und alleine auf staatliches Handeln zurückzuführen, sondern sich auch mit ideologischen Argumenten und persönlichen Ursachen auseinanderzusetzen, die eine Veränderung in der Haltung gegenüber Staat und Gesellschaft unter den Sozialisten hervorrief. Insbesondere würdigt er hinreichend die Streitigkeiten zwischen parlamentarischem Sozialismus und Anarchismus, repräsentiert durch Katayama Sen und Kôtoku Shûsui. Ein ausgewogenes Vorgehen zeichnet die Analyse der Hochverratsaffäre aus, in der Planungen für ein Attentat auf den Kaiser untersucht und der folgende Gerichtsprozeß in seiner historischen Bedeutung für Staat und Sozialismus eingeordnet werden. Abschließend ruft der Autor noch einmal in Erinnerung, wie Auslandserfahrungen unter japanischen Machthabern zum "Eindruck vom Sozialismus als Schreckensbild" führten, bevor es noch zur Bildung erster sozialistischer Diskussionskreise kommen konnte. Der Hochverratsprozeß bewirkte schließlich eine dauerhafte gesellschaftliche Isolation der Sozialisten und ihrer Ideen. Eine Kritik an der Regierung mußte fortan mit "Versicherungen der unverbrüchlichen Loyalität zum Kaiserhaus" verbunden werden (S. 338).

Obwohl der Autor durchaus überzeugend darstellt, daß die Auseinandersetzung des japanischen Staats mit den Sozialisten auch über die Meiji-Zeit hinaus wesentliche politische Auswirkungen hatte, scheint es fraglich, ob in diesem frühen Stadium wirklich von einer "Bewegung" zu sprechen ist, eines vom Autor immer wieder verwendeten, etwas vagen Begriffs, der meines Erachtens doch auch einen Anspruch auf eine gewisse intellektuelle Geschlossenheit und organisatorische Größe ausdrückt, zumindest in einer höheren Ordnung, als im Buch dargestellt.

Harald Fuess, Tôkyô

 

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