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Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens / Hamburg



Inhalt:
Heiko BITTMANN: Karatedô. Der Weg der leeren Hand. Meister der vier großen Schulrichtungen und ihre Lehre. Ludwigsburg / Kanazawa: Verlag Heiko Bittmann 1999. 422 S., 41 Abb. ISBN 3-00-004098-6, DM 59,- (Bezugsquelle: Verlag Heiko Bittmann, Fellbacher Str. 11/3, 71640 Ludwigsburg).

Bittmann legt mit dieser Arbeit, die 1998 von der Universität Tübingen als Dissertation angenommen wurde, die erste deutschsprachige wissenschaftliche Abhandlung über die Lehrschriften des "Weges der leeren Hand" (karatedô) und deren Rezeption vor.

Mit Recht bemerkt der Autor zu Beginn, daß die westlichsprachige Forschung bisher kaum Titel zur Lehre dieses "Weges" hervorgebracht habe. Tatsächlich ignorierte insbesondere die deutschsprachige Japanologie nicht nur dieses Thema, sondern der gesamte Komplex der japanischen Kampfkünste wurde von ihr bislang recht stiefmütterlich behandelt. Interessierte Leserinnen und Leser waren deshalb gezwungen, auf eine der wenigen englischsprachigen Publikationen oder auf von Laien verfasste Titel zurückzugreifen. Letztere, deren grundsätzlich informativer Wert nicht zu leugnen ist, leiden jedoch oft unter fehlenden japanischen Sprachkenntnissen der AutorInnen, die diesen zum einen den Zugang zu wichtigen japanischen Quellen verwehren, zum anderen aber auch Mißverständnisse und Fehler in der Schreibung begünstigen. Zum Thema der Geschichte und Philosophie des karatedô, aber auch zum budô (Weg der Kampfkünste) im allgemeinen finden sich in den Regalen der Buchhandlungen zur Zeit vor allem Titel des von Werner Lind, einem "Veteranen" des karatedô, im Jahre 1990 gegründeten Budô Studien Kreises, der sich die Erforschung des traditionellen budô und die Rückführung der Kampfkünste auf ihren "ursprünglichen" Sinn zum Ziel gesetzt hat. Als Beispiel für die Veröffentlichungen dieses Studienkreises, die aber kennzeichnend für die ganze Sparte sind, sei hier das 1999 erschienene und in der FAZ vom 16.6.1999 (unverständlicherweise recht positiv) besprochene und medienpräsente Buch von Julia KARZAU: Grosse Budo Meister: Jigoro Kano, Gichin Funakoshi, Morihei Ueshiba[1] erwähnt, das sich vor allem durch eine profunde Unkenntnis der japanischen Sprache sowie historische Ungenauigkeiten auszeichnet (so wird der erste Karate-Übungsort in Tôkyô als Meisojuku statt Meishôjuku bezeichnet; die Präfektur Hyôgo geändert zu Kyugo; die Universität Keiô bekommt den Namen Keijo und der japanische Angriff auf Pearl Harbo(u)r wird auf das Jahr 1940 vorverlegt, um nur einige Beispiele zu nennen). Fundierte japanologische Publikationen sind also gefragt, und Bittmann zeigt mit der vorliegenden Publikation einen vielversprechenden Weg auf, dem hoffentlich weitere Arbeiten von vergleichbarer Qualität folgen werden.

Das Buch, das wohl auf der 1992 verfaßten Magisterarbeit[2] des Autors aufbaut, widmet sich, nach methodischen Vorüberlegungen, in Kapitel A 3 zunächst der historischen Entwicklung der japanischen Kampfkünste im allgemeinen sowie der historischen Entwicklung des karatedô im besonderen.

Aufgrund des Mangels an alten Quellen jedoch, hat die Geschichte und die Entwicklung des karatedô bis heute als strittig zu gelten. Einer der Gründe für das Fehlen von historischem Quellenmaterial ist sicherlich die Vernichtung der Hofarchive des Königreiches Ryûkyû bei den Kämpfen um Okinawa im Jahre 1945.

Zur Entwicklung des karatedô werden folgende Hauptthesen angeführt: 1. Auf Okinawa existierte eine te genannte Kampfart, die durch chinesische Stile der Faust (kenpô) und weitere Systeme beeinflußt wurde; 2. Zu einem intensiven Austausch zwischen Okinawa und China kam es seit dem 14. Jahrhundert. Durch die weitverzweigten Handelsbeziehungen des Königreiches Ryûkyû kann es darüber hinaus auch zum Kontakt mit anderen Systemen gekommen sein; 3. Durch ein Verbot, Waffen zu tragen, das zum erstenmal im 15. Jahrhundert erlassen wurde und dann ab 1609 von den japanischen Herrscher aufrecht erhalten wurde, intensivierte sich die Entwicklung der waffenlosen Kampfkunst. Parallel werden bäuerliche Geräte zu Waffen umfunktioniert.

Bittmann beschreibt die Entstehung unterschiedlicher Schulrichtungen, die jeweils nach ihrer lokalen Situierung benannt wurden, z. B. Nahate (Hand von Naha), Shurite (Hand von Shuri) und Tomarite (Hand von Tomari). Als Oberbegriffe finden sich verschiedene Bezeichnungen, von denen wohl Tode (China-Hand) die gebräuchlichste gewesen sein dürfte. Der gleiche Begriff kann rein japanisch als karate gelesen werden. Diese Lesung findet sich zum erstenmal 1905. Vermutlich im Jahre 1929 findet durch Funakoshi Gichin zum erstenmal der Begriff karatedô Verwendung.[3] Im Verlaufe der 30er Jahre wurde das Schriftzeichen für China (to, kara) schließlich durch das Schriftzeichen für Leere (kara) ersetzt (einer ähnlichen Japanisierung mußten sich die Namen der kata (Form) unterziehen). Dieser Wechsel sollte nicht nur eine Anbindung an zen-buddhistische Philosophie betonen, oder Ausdruck der Waffenlosigkeit sein, sondern muß nach Bittmann auch (und dieses Argument findet sonst viel zu selten Erwähnung) im Kontext des zunehmenden Nationalismus und Militarismus auf dem japanischen Festland der 30er Jahre gesehen werden, dem eine anti-chinesische Einstellung zu eigen war. In einem solchen Klima hätte eine Kampfkunst mit dem Namen "China-Hand" wohl kaum Anhänger finden können.[4]

Nach einer Diskussion der wichtigsten Grundbegriffe (Weg, Leere, Form) der Lehre auf den Wegen der Kampfkünste sowie deren geistesgeschichtlicher Einordnung in Kapitel A 4 schließt Bittmann eine Übersicht zur Entwicklung und zum Inhalt von Lehrschriften innerhalb der Kampfkünste anhand beispielhafter Lehrschriften der Tokugawa-Zeit an. Diese sind im einzelnen Takuan Sôhôs (1573-1645) Fudôchi shinmyôroku (Wundersame Aufzeichnungen der bewegungslosen Weisheit), das Heihô kadensho (Familienüberlieferungen zu den Methoden des Gefechts) von Yagyû Munenori (1571-1646) und das (vermutlich) von Miyamoto Musashi (1584-1645) verfasste Gorin no sho (Buch der fünf Ringe).

Die von Bittmann im Anschluß (gut lesbar) übersetzten, annotierten und analysierten Lehrschriften gehen auf vier der wichtigsten karate-Lehrer zurück, die zugleich als Begründer der vier großen Schulrichtungen Gôjûryû , Shitôryû , Wadoryû und (mit Einschränkung) Shôtôkan gelten können. Diese Schriften bilden zugleich die vier Gliederungseinheiten des Kapitels C.

Bei der ersten Lehrschrift handelt es sich um die um 1930 verfassten Zwanzig Paragraphen der leeren Hand von Funakoshi Gichin (1868-1957) mit einem Kommentar von Takagi Masatomo (1912-1996) aus den Jahren 1988 und 1993. Diese Lehrschrift mit ihren Anleitungen zur inneren und handwerklichen Schulungshaltung ist durch ihre Prägnanz und ihren umfassenden Charakter die wohl bedeutendste Schrift zur Lehre des karatedô. Ihre Inhalte sind auch schulübergreifend immer wieder nachzuweisen. Es war Funakoshi, der die Kampfkunst karate zum erstenmal im Jahre 1916 auf dem japanischen Festland vorführte und erneut 1922 bei der ersten Ausstellung für Leibeserziehung in Tôkyô zeigte; in diesem Zusammenhang erwähnt Bittmann, daß karate zum erstenmal 1901 in den regulären Schulunterricht aufgenommen wurde. (Anm. 454) Diese Angabe ist allerdings zu diskutieren. So argumentieren Michihara Shinji und Yen Yoshio recht überzeugend, daß karate erst im Jahre 1909 an der Präfekturalen Mittelschule Okinawas eingeführt wurde und Itosu Yasutsune (Ankô; 1830-1915) zu diesem Zweck als Lehrer eingestellt wurde).[5] In Tôkyô eröffnete Funakoshi auch die erste Trainingsstätte des karate auf dem japanischen Festland, das Meishôjuku (Pensionat der klaren Wahrheit) und 1939 das Shôtôkan (Institution der Kiefernwoge). Der Name dieses Übungsortes sollte später verwendet werden, um eine auf Funakoshi zurückgehende Schule zu bezeichnen.

Miyagi Chôjun (1888-1953) studierte karate im Nahate-Stil. Da seine Familie im Überseehandel tätig war, konnte er längere Zeit in der chinesischen Provinz Fuchien leben und dort die chinesischen Methoden der Faust kennenlernen. Im Jahre 1922 begann er, in der Polizeischule Okinawas karate zu unterrichten, und im Jahre 1930 wurde er zum Leiter der Abteilung karate im Verband für Leibeserziehung der Präfektur Okinawa ernannt. Etwa in dieser Zeit gab Miyagi seiner Schule den Namen Gôjûryû (Schule des Harten und Weichen). Dies war eine absolute Neuheit, da die Schulrichtungen bis dato nur nach dem Ort ihrer Ausübung bezeichnet wurden. Die von Bittmann übersetzte Lehrschrift dieses Meisters ist betitelt mit Allgemeine Darlegungen zum Weg der chinesischen Hand. Sie unterscheidet sich durch ihren eher allgemeinen Charakter von den anderen drei, die sich hauptsächlich auf Aussagen zur Lehre des Weges konzentrieren, stellt aber im Hinblick auf die Ausführungen zur Geschichte des karate, vor allem zu existierenden Ortsvereinen auf der japanischen Hauptinsel Honshû sowie in ihrem zeitlichen Kontext, als Schrift, die den Wunsch nach Etablierung der Kampfkunst auf den japanischen Hauptinseln widerspiegelt, eine wertvolle Quelle dar.

Weiterhin wird die Abhandlung "Haltung des Herzens des Übenden auf dem Wege der leeren Hand" aus der Monographie Einführung in den Weg der Leeren Hand. Sonderbezeichnung: Lehrmuster der Kunst der Leeren Hand (1938) von Mabuni Kenwa (1889-1952), dem Begründer des Shitôryû (Schule der Meister Ito[su] und Higa[onna]) mit einem Kommentar von Nakasone Genwa (1895-1978) vorgestellt. Diese Schrift stellt durch ihre wissenschaftliche Darstellung der Entwicklung der Schulen und der Arten und Bezeichnungen der unterschiedlichen Formen für die Forschung eine wertvolle Quelle dar.

In Kapitel C 4 finden sich die Analekten des Lehrmeisters von 1970, verfasst vom Begründer des Wadôryû (Schule des Weges der Harmonie) Ôtsuka Hironori (1892-1982). In den Analekten fällt besonders der Wunsch nach Frieden, als Ausdruck der Zeit des kalten Krieges sowie die Mahnung vor einer übermäßigen Entwicklung in Richtung Wettkampf-karate auf. Ôtsuka hatte in seiner Jugend jujutsu studiert und wurde gar viertes Oberhaupt des Shintô Yôshinryû jûjutsu. Erst 1922 begann er bei Funakoshi karate zu lernen. In seinem eigenen karate-Stil verband er schließlich Elemente aus dem jûjutsu mit den Techniken des karate.

In einer vergleichenden Analyse aller vier Lehrschriften (Kapitel C 6) zeigt Bittmann, daß, obwohl die einzelnen Schulrichtungen unterschiedliche Formen des karate repräsentieren, "grundlegende inhaltliche Gemeinsamkeiten bezüglich der Lehre festzustellen" (S. 249) sind. Die genannten Lehrauffassungen verstehen sich als normative Rahmen und fordern von den Schülern ein über den Trainingsort hinausgehendes, sich auf die Gesellschaft erstreckendes ethisch-moralisches Verhalten, das auf den konfuzianischen Grundtugenden fußt. Maximen wie "die leere Hand beginnt und endet mit einem respektvollen Gruß" oder "trete den Menschen immer mit Achtung entgegen" sind typische Beispiele für diese gesellschaftlichen Verhaltensregeln (vgl. S. 249). Noch heute werden an vielen Trainingsstätten zu Beginn und / oder zum Ende des Trainings gemeinsam sogenannte dôjôkun (Unterweisungen des Übungsortes) rezitiert. Diese enthalten neben der spezifischen Etikette des Übungsortes in der Regel gesellschaftsbezogene Verhaltensregeln und Ermahnungen des Individuums. In den auf die Übung oder die Methode der Übung bezogenen Maximen spiegelt sich vor allem eine zen-buddhistische Gedankenwelt wider, und sie verweisen so auf die von Bittmann zuvor in Kapitel A 5 vorgestellten mittelalterlichen Schriften zu den Kampfkünsten, besonders des Schwertkampfes. Zuweilen sind direkte Übertragungen möglich. So heißt es bei Miyagi, Mabuni und Nakasone "Faust und Zen sind eins" ( ken zen itchi), wohl eine direkte Anlehnung an den Lehrspruch "Schwert und Zen sind eins" ( ken zen itchi) (S. 250), der vermutlich auf den Mönch Takuan Sôhô zurückgeht. Oder auch der Sinnspruch "es ist notwendig, das Herz freizumachen", der sich auf eine bestimmte mushin (Nicht-Herz) bezeichnete Geisteshaltung bezieht und ebenfalls bei Takuan nachweisbar ist. Zugleich deutet sich ein weiterer Aspekt an, der als Konsens und die Schulrichtungen übergreifende Lehre betrachtet werden kann. Das Training des karate wird nicht gesehen als rein körperliche Betätigung, sondern als eine ganzheitliche Schulung mit dem Ziel, nach menschlicher Vervollkommnung zu streben: "Denke immer nach, und arbeite beständig an deiner Vervollkommnung" (Funakoshi, Takagi) (S. 250) oder auch "durch das Stählen, Wissen und Tugend zu erhöhen, eine anmutige Gesinnung und einen gesunden Körper sowie ein gesundes Herz zu kultivieren, [um] eine die Vollendung der menschlichen Natur [anzustreben]" (Ôtsuka) (S. 250). Dabei gewinnt die Kultivierung des Herzens Vorrang vor der rein technischen Fertigkeit, und Aussagen wie "das Herz ist vorrangig, und der Körper ist zweitrangig" (S. 251) von Miyagi lassen sich abgewandelt auch bei Funakoshi, Takagi und Ôtsuka finden. Das Ziel dieser ganzheitlichen Schulung liegt in einer Loslösung oder Befreiung vom Ich, wie im sie Zen-Buddhismus angestrebt wird: "Das letzte [Ziel] des Weges der leeren Hand - ist genau eins mit den Prinzipien des Zen" (Mabuni und Nakasone (S. 250). Darüberhinaus zeigt Bittmann, daß sich Anmerkungen zur Strategie des Kampfes auf die chinesischen Klassiker der Militärphilosophie, die "Sieben Bücher" (jap. Shichisho), zurückverfolgen lassen.

Bittmann: "... die inhaltlichen Gemeinsamkeiten [zeugen], zumindest innerhalb der vier großen Schulrichtungen, von einem im großen und ganzen einheitlichen normativen Rahmen der Komponenten Herz, Technik und Körper, was auch dadurch verstärkend zum Ausdruck kommt, daß keiner der Autoren die Lehre nur auf ,seine Schulrichtung' bezieht. D. h., es ist anzunehmen, daß die von den Meistern geforderte ,innere Haltung des Übenden' in schulübergreifender Bedeutung, im Sinne eines einheitlichen Weges der Leeren Hand, niedergeschrieben wurde." (S. 254)

In Kapitel D, das den zweiten größeren inhaltlichen Abschnitt der Arbeit einleitet, geht der Autor der Frage nach, inwieweit die Lehrauffassungen, wie sie in den zuvor übersetzten Lehrschriften zu finden waren, in der heutigen Zeit überhaupt noch Gültigkeit besitzen. Hierfür führte Bittmann in der Stadt Kanazawa und einigen weiteren Städten hauptsächlich in der Präfektur Ishikawa eine Umfrage an verschiedenen Übungsorten der vier großen Stilrichtungen Shôtôkan, Gôjûryû, Shitôryû und Wadôryû sowie Kôbukan , Shôtôryû , Shôrinryû und Kenyûryû durch. Die Fragebögen bestanden aus einem allgemeinen Teil, in dem Fragen nach Alter, Geschlecht, Schulbildung usw. zu beantworten waren. In dem ersten der zwei spezifischen Teile wurde nach Schulrichtung, Graduierung usw. gefragt, während die Befragten sich im zweiten Teil (in einer offenen Fragestellung) zu ihnen wichtig erscheinenden Auffassungen bezüglich der Lehre bzw. zu den Maximen des Weges der leeren Hand äußern sollten. Die Auswertung der Fragebögen zeigte, daß die Mehrzahl der Trainierenden in der Lage war, mindestens eine Lehraussage zu zitieren, wobei sich beispielsweise die Dauer des Trainierens oder die Graduierung positiv auf die Häufigkeit der Nennung auswirkten. Es zeigte sich weiterhin, daß vor allem die in den von Bittmann übersetzten Schriften genannten Lehrauffassungen den Befragten bekannt bzw. wichtig waren. (vgl. S. 302)

Um weitere Aussagen über die Allgemeingültigkeit und den schulübergreifenden Charakter der von den Befragten am häufigsten genannten Grundsätze: "Die leere Hand beginnt und endet mit einem respektvollen Gruß" (Karate wa rei ni hajimari rei ni owaru) und beim "Karate gibt es kein Zuvorkommen" (Karate ni sente nashi) (beide Maximen finden sich in den Zwanzig Paragraphen des Funakoshi, S. 130-131) machen zu können, untersuchte der Autor weiterhin 75 Monographien zum karatedô aus den Jahren 1954-1994. Dabei ist in 67 Werken einer der beiden Grundsätze oder zumindest eine Sinnvariante nachzuweisen. Aufgrund dieser Häufigkeit sind sie "tendenziell als schulübergreifende und somit allgemeingültige Lehrauffassungen der Schulung auf dem Weg der leeren Hand erkennbar." (S. 295)

Bei der Auswahl der an der Umfrage teilnehmenden Schulrichtungen beschränkt sich Bittmann primär auf die vier großen Schulrichtungen (die darüberhinaus untersuchten fallen quantitativ kaum ins Gewicht), was zur Folge hat, daß Bittmanns Ergebnisse zwar für diesen Bereich Geltung haben, daß hieraus aber keine Rückschlüsse auf den Einfluß der untersuchten Lehrschriften auf andere Stile, bzw. auf das karatedô in seiner Gesamtheit gezogen werden können; eine Einschränkung, die der Autor selber angemessen problematisiert. Um eine umfassendere, die vorgelegte Erhebung ergänzende Aussage machen zu können, wäre sicherlich eine weiterführende Befragung an Übungsorten der neueren und / oder hauptsächlich am Wettkampf und Voll-Kontakt orientierten Schulrichtungen interessant, wie beispielsweise bei der, von Ôyama Masutasu (1923-1994) 1955 gegründeten Kyokushinkai (Gesellschaft des Meisterns des Weges), bei dem Shidôkan (Institut des Weges des Kriegers) gegründet von Soeno Yoshiji (geb. 1947) im Jahre 1981 oder bei dem Seidô Kaikan (Institut des richtigen Weges), auf das die sehr populären K1-Wettkämpfe zurückgehen. Diese sind gerade in den Zentren und bezüglich des karate strukturstärkeren Umgebungen, wie Tôkyô oder Ôsaka, beliebt. In diesen modernen und schnellebigen Metropolen und Mega-Citys ist die Gefahr eines Verlustes von Traditionen und alten Strukturen natürlich größer als auf dem Land oder eher ländlichen Gegenden.

Die Frage nach philosophischen Inhalten, oder besser das grundsätzliche in Frage stellen philosophischer Inhalte in den Kampfkünsten, beschäftigte die deutsche Karate-Szene zu Beginn der 90er Jahre. Ausgelöst wurde die Diskussion durch C. G. GOLDNER: Fernöstliche Kampfkunst. Zur Psychologie der Gewalt im Sport. München: AHP-Verlag 1988.[6] Goldner argumentiert am Beispiel karate, daß die Kampfsportarten (den Terminus "Kampfkunst" lehnt er kategorisch ab) Gewaltakte fördern und gar verherrlichen. Dabei argumentiert er primär psychologisch (aus diesem Grund nimmt Bittmann ihn wohl auch bewußt nicht in seine Bibliographie auf). Goldner geht aber auch auf den philosophischen Gehalt des karate ein, den er grundsätzlich, auch unter Berufung auf den karate-Meister Egami Shigeru (1912-1981), leugnet (vgl. GOLDNER S. 57ff.). Nach seiner Theorie soll eine Verbindung von Karate und Zen-Philosophie weder im Interesse von Funakoshi gewesen noch auf Basis seiner Schriften belegbar sein (vgl. ebd. S. 60). Dieser Ansatz ist durch Bittmanns Analyse sicherlich widerlegt. So bietet Bittmanns Arbeit auch in Hinblick auf diese in Deutschland heftig geführte Diskussion wichtige Erkenntnisse und Argumente.

Als Gesamtresümee bleibt festzuhalten: Bittmann legt eine gut lesbare, fundierte Arbeit sowie einen gelungenen und wichtigen Beitrag nicht nur zur Lehre sowie den Lehrauffassungen des Weges der leeren Hand, sondern auch zu deren historischer Entwicklung und geistesgeschichtlichen Wurzeln vor.

Andreas Niehaus, Köln


Fußnoten

[1] KARZAU, Julia: Grosse Budo Meister: Jigoro Kano, Gichin Funakoshi, Morihei Ueshiba. Berlin: Sportverlag Berlin 1999.Linkspfeil

[2] BITTMANN, Heiko: Karatedô. Zwei Schriften zur Normengeschichte einer japanischen Kampfkunst. Die Stilrichtungen Shôtôkanryû und Shitôryû in der Formulierung ihrer Gründer: Funakoshi Gichin, ,Zwanzig Paragraphen des Karate', kommentiert von Takagi Masatomo; Mabuni Kenwa, ,die innere Einstellung des Übenden auf dem Wege des Karate'. Tübingen 1992 (unveröffentlichte Magisterarbeit im Fach Japanologie).Linkspfeil

[3] Die Mode, ein System, einen Stil oder eine Schulrichtung mit Suffix dô zu versehen, löste vermutlich Kanô Jigorô (1860-1938) aus, der 1882 sein jûdô (Weg der Sanftheit) begründete. Interessanterweise aber findet sich meiner Kenntnis nach in den frühen Schriften Kanôs keine irgendwie geartete metaphysische Ausdeutung des Begriffes "Weg", wie sie im karatedô oder auch anderen Systemen üblich ist. Im Gegenteil: Kanô begründet seine Begriffswahl als rein pragmatische Notwendigkeit, sich nominell vom jûjutsu (Kunst der Sanftheit) abzusetzen und abzugrenzen; vgl. hierzu KÔDÔKAN (Hg.): Jûdô shi, jûdô shugyô, jûdô shihan katei. Tôkyô: Hon no tomosha 1988 (= Kanô Jigorô taikei, 2), 103.Linkspfeil

[4] Noch über die These Bittmanns hinausgehend meine ich, daß selbst die Anbindung an den Buddhismus durchaus auch im Hinblick auf eine von den Nationalisten betriebene Mystifizierung der Kampfkünste, die sich um den Begriff des bushidô zentrierte, gesehen werden kann.Linkspfeil

[5] Vgl. MICHIHARA Shinji / YEN Yoshio: "Meijiki ni okeru gakkô karate no hajimari ni kansuru ichi kôsatsu", in: "Gakkô taiiku to supôtsu sokushin undô no rekishi" - Kokusai taiiku, supôtsushi Tôkyô seminâ hôkokushû. Tôkyô: o. V. 1978, S. 177-181, hier 180.Linkspfeil

[6] Vgl. MICHIHARA Shinji / YEN Yoshio: "Meijiki ni okeru gakkô karate no hajimari ni kansuru ichi kôsatsu", in: "Gakkô taiiku to supôtsu sokushin undô no rekishi" - Kokusai taiiku, supôtsushi Tôkyô seminâ hôkokushû. Tôkyô: o. V. 1978, S. 177-181, hier 180.Linkspfeil

 

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