Jürgen OSTERHAMMEL: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München: C.H. Beck 1998. 560 S. , Namen- und Sachregister. ISBN 3-406-44203-x. DM 78,00.

Max Weber fragte zu Beginn seiner Wirtschaftsethik der Weltreligionen danach, "welche Verkettung von Umständen dazu geführt (hat), daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch - wie wenigstens wir uns gern vorstellen - in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen".[1] Am Ende des 20. Jahrhunderts, dessen zweite Hälfte vom Zusammenbruch kolonialer Reiche und der Erschütterung europäischer Überheblichkeit und Selbstgewißheit geprägt worden ist, schreitet dennoch weltweit die Verfestigung der Dominanz europäischer, besser vielleicht sog. "westlicher" Lebensformen und -entwürfe unbestreitbar voran. So ist die Frage Webers durchaus aktuell - gerade, nachdem vordergründige und chauvinistische Theorien von der angeblichen "natürlichen" Überlegenheit Europas endgültig diskreditiert scheinen, oder auch - im Gegenteil - in kulturalistischem Gewande reüssieren. Die historische Forschung hat in den vergangenen Jahren gelegentlich betont, daß der europäische Kontinent naturgeschichtlich und geographisch besonders begünstigt gewesen sei, um bereits in den weit zurückliegenden Jahrtausenden vor der Zeitenwende Erfahrungen und Strukturen zu gewinnen, die sich als "Startvorteil" für die späteren Kulturen Europas erwiesen. Für den amerikanischen Physiologen Jared Diamond


beruht der Erfolg der okzidentalen Kultur auf naturgeschichtlichen Vorgaben und ihren evolutionären Folgen.... Seit dem Ende der Eiszeit sei die Zivilisation des mittelmeerischen Raums durch biologische und geologische Umstände begünstigt worden. Das habe ihr einen soziokulturellen Startvorteil eingeräumt, der sich zuletzt als uneinholbar erwies.[2]
Für die Verfasser der Oxford I11ustrated Prehistory of Europe liegt die Antwort der besonderen Entwicklung Europas neben ökologisch-geographischen Faktoren "im Zusammenspiel seiner Vielfalt (...) und vor allem in dem nie abreißenden Austausch innerhalb seines Völkergemischs, das sich auf dem engen Raum der Halbinsel [Europa aus der Perspektive der gesamten eurasischen Landmasse, K. V.] ausbreiten muß".[3]

Das alles verweist auf eine Sonderrolle Europas im weltgeschichtlichen Maßstab, deren Wahrnehmung nicht selten zu einem spezifischen "Sonderbewußtsein" geführt hat - dieser Begriff mag sowohl als bloße Beschreibung, als auch - und seit dem 19. Jahrhundert vermutlich sehr viel häufiger - im Sinne eines Überlegenheitsanspruches und Sendungsbewußtseins verstanden worden sein.

Die vorgenannte Studie von Diamond aber


trennt die besonderen Merkmale der okzidentalen Kultur von den Umständen ihrer weltweiten Durchsetzung. Das europäische Modell hat sich nicht kraft höherer Vernunft verbreitet, sondern durch Seefahrt und Landnahme.... Exemplarisch steht hierfür die Eroberung Amerikas. Den Inkas und Indianern fehlte es nicht an Rationalität, sondern an Pferden. Die siegreichen Spanier waren nicht asketischer, sondern besser bewaffnet. Vor allem aber: besser ernährt.[4]
Die scharfe Unterscheidung zwischen günstigen ökologischen Bedingungen in der europäischen Vor- und Frühgeschichte einerseits und der Instrumentalisierung der zu einem gewissen Teil vielleicht darauf beruhenden technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften für imperialistische Zwecke seit dem 15. Jahrhundert andererseits entspricht nicht nur dem Gebot geschichtswissenschaftlicher Seriosität, sondern ist gerade bei den hier genannten Erklärungsansätzen besonders zu unterstreichen, um der Vorstellung einer buchstäblich "naturgegebenen", deterministischen Interpretation der Weltgeschichte nicht unversehens neue Nahrung zu verschaffen. Gerade weil die zitierten Werke mit dem Wissen der Stellung Europas an der Wende zum 3. Jahrtausend retrospektiv nach den womöglich in der Vorgeschichte gelegten Grundlagen für diese Entwicklung fragen, ist diese Sorge wohl nicht ganz unberechtigt. Dabei, und damit ist nun endlich auf das von Jürgen Osterhammel vorgelegte Meisterwerk zu sprechen zu kommen, ist die allgemeine Durchsetzung dieses Sonderbewußtseins selbst ein rezentes Phänomen. Am Ende des 20., schon weniger europäisch als vielmehr nordamerikanisch geprägten Jahrhunderts, so resümmiert Osterhammel, ist "(d)ie Zeit günstig für Historiker, nach den Ursprüngen eines lange so mächtigen europäischen Sonderbewußtseins, eines Glaubens an die eigene natürliche Vorrangstellung vor anderen Zivilisationen, zu fragen." (S. 18) Nach der Lektüre ist klar, daß dieses europäische Sonderbewußtsein in seiner voll entwickelten Form keine dreihundert Jahre alt ist.

Osterhammel verbindet die Frage nach Genese und Wandel des Sonderbewußtseins mit seinem Interesse am Asienbild Europas im 18. Jahrhundert:


Dieses Sonderbewußtsein ruhte auf frühen antiken und christlichen Grundlagen, kristallisierte sich im Zeitalter der Aufklärung zu einer säkularen, auf religiösen Erwählungsglauben verzichtenden Weltanschauung, bestimmte im 19. Jahrhundert, mit rassistischen Beimischungen versehen, das Auftreten von Europäern in Übersee und milderte sich im Zeitalter der Dekolonisation zu besserwisserischer Herablassung. Zu seiner Formierungsepoche, dem 18. Jahrhundert, zurückzugehen bedeutet nicht nur, eine einfache ideengeschichtliche These vom Aufstieg und Fall einer diskursiven Formation, hier des europäischen Exzeptionalismus, aus den Quellen zu illustrieren und sich damit an der Kritik europäischer Heucheleien, Illusionen und machtgeschützter Wahnvorstellungen zu beteiligen, wie sie seit Edward W. Saids einflußreichem Pamphlet Orientalism (1978) mit dem Gestus der Entlarvung und manch einseitiger Überzeichnung betrieben wird. Zugleich eröffnet sich, in keiner These erschöpfbar, eine kulturelle Welt, die von einer auf binneneuropäische Verhältnisse fixierten Geschichtsschreibung nicht genügend beachtet wurde: die Welt des europäischen Asieninteresses im Zeitalter der Aufklärung. (S. 18)
Hier wird nicht nur die Vielseitigkeit des Programms deutlich, das Osterhammel auf über vierhundert Textseiten entfaltet, sondern auch die durch ein beeindruckendes Quellenstudium begründete Souveränität und gleichzeitige Behutsamkeit, mit der der neuerdings in Konstanz lehrende Historiker dieses umsetzt. In gewisser Weise knüpft er damit an die bereits in den frühen 80er Jahren durch zahlreiche Publikationen begleitete Debatte über das Verhältnis Europas zum ,Fremden' in der frühen Neuzeit an, für das Urs Bitterli seinerzeit das Schlagwort von den komplexen Beziehungen zwischen ,Wilden' und ,Zivilisierten' prägte.[5] Auch Saids Orientalismus-Studie[6] sowie einige einschlägige, poststrukturalistisch bestimmte Monographien, die sich auf je eigene Weise mit der Erfahrung des ,Fremden' auseinandersetzen, wären in diesen zeitlichen Kontext einzuordnen.[7] Osterhammels Werk geht allerdings hinsichtlich der Breite der verarbeiteten Quellen z. T. weit darüber hinaus und bringt in puncto Analyse und theoretischer Reflexion diese Debatte auf den Stand der späten 90er Jahre. Somit liegt jetzt eine Arbeit vor, die die Diskussion über die Geschichte der Versuche fremdkulturellen Verstehens in Europa um wesentliche Einsichten erweitert und auf dem Gebiet der Erforschung der intellektuellen Auseinandersetzung Europas mit Asien im 18. Jahrhundert alle Aussichten hat, ein Standardwerk zu werden. Es ist schwer zu entscheiden, für wen dieser Band, an dem allenfalls die teils nachlässige Endredaktion zu bemängeln wäre,[8] von größerem Nutzen ist: Für diejenigen, die sich mit der Geschichte des 18. Jahrhunderts oder vornehmlich mit Historiographie- oder Wissenschaftsgeschichte befassen? Für diejenigen, welche die europäische Reiseliteratur oder die europäisch-asiatischen Beziehungen zur Zeit der Aufklärung studieren? Für Ideengeschichtler? In jedem Fall sollte das Buch zur Pflichtlektüre nicht nur für Historiker außereuropäischer Geschichte werden, sondern überdies für alle, die sich u.a. mit der Produktion von Asienbildern in Europa beschäftigen - also auch für Sinologen und Japanologen.

Der von Osterhammel hergestellte Bezug zum Werk Edward Saids, das seit zwei Jahrzehnten zum Teil paradigmatisch die Erforschung des europäisch-asiatischen Verhältnisses bestimmt, ist auch als Anspruch zu verstehen, dessen Orientalismus-These kritisch und differenziert weiterzuentwickeln. So ist nicht zuletzt unter Berufung auf Said und seine theoretischen Grundlagen (u.a. Roland Barthes und Michel Foucault) vor einer neuerlichen Essentialisierung der West-Ost-Dichotomie unter dem Deckmantel der Orientalismus-Kritik zu warnen. Nach einer kurzen, aber scharfsinnigen Analyse der gängigsten und von erheblichem Skeptizismus geprägten Diskurse über die Möglichkeiten fremdkulturellen Verstehens, stellt Osterhammel diesen das Ergebnis seiner eigenen, ausgedehnten Lektüre neuzeitlicher Asientexte von Europäern entgegen:


Europäische Asientexte sollten also nicht als statische "Repräsentationen" aus sich selbst heraus gedeutet, sondern in die ganz konkreten Kon-Texte gesellschaftlicher Praxis gestellt werden. Dabei ist ihr ständiges Changieren zwischen Wirklichkeitsbezug und Fiktion, zwischen Belehrung und Unterhaltung im Auge zu behalten. Konstruktion und Abbildung fremder Kulturen als sich ausschließende Gegensätze zu kontrastieren und Texte entweder nur nach ihrem Ideologiegehalt oder nur nach ihrer empirischen Richtigkeit zu befragen verkennt die Polyvalenz der großen frühneuzeitlichen Asienbeschreibungen. Diese Mehrsinnigkeit verleiht ihnen erst ihren fortdauernden Reiz. Sie hätten ihn nicht, wären sie entweder bloß Ausdrucksformen europäischer Selbstbespiegelung oder allein naive Vorahnungen gesicherter Erkenntnisse. Die Texte sind beides zugleich: Entwürfe europäischer Einbildungskraft und Versuche, Wirklichkeit mit den Erkenntnismitteln der jeweiligen Zeit zu erfassen. (S. 28)
Dies ist nur ein Beispiel aus der gut zwanzig Seiten umfassenden Einleitung für die Umsicht, mit der Osterhammel methodische und theoretische Reflexionen zum Rahmen seines Themas anstellt, in den die eigentliche Untersuchung dann eingebettet wird. Der Begriff der Kontextualisierung erweist sich auch hier als treffend: Je nach Diskurs fungierte Asiatisches im 18. Jahrhundert

auf mannigfache Weise als Argument in europäischen Debatten: Debatten über Wildheit und Zivilisation, über Fortschritt und Dekadenz, über Herrschaft und Gerechtigkeit, über Reichtum und Armut der Nationen, über Rechte und Glück von Frauen, über Wahrheiten und Irrtümer der Religionen.... Weniger als eine Geschichte der Bilder ist dies eine Geschichte des Begreifens und seiner Instrumente: der Begriffe und der umfassenden Idiome oder "Sprachen" im Sinne des Ideenhistorikers J.G.A. Pockock, deren Bestandteile die Begriffe bilden. (ebd.)
In der Einleitung begründet und differenziert Osterhammel ebenfalls die von ihm verwendeten räumlichen und zeitlichen Begriffe und Grenzen und deren wiederum nach Kontext verschobenen Bedeutungen. Immer ist ganz Asien gemeint - es reicht von Arabien, im 18. Jahrhundert gar Ägypten, bis nach Japan. Hier unterscheidet der Autor beispielsweise drei Ebenen des europäischen Asiendiskurses in den von ihm ausgewerteten Quellen (national, lokal, kontinental) und skizziert ihre jeweilige Funktion: Neben der Beschreibung klar voneinander abgrenzbarer politischer Einheiten (China, das Osmanische Reich, Japan, das indische Mogulreich etc.) wurden auf der lokalen Ebene einzelne Ethnien, Landschaften oder Städte behandelt. Dies ergab sich nicht nur aus der Perspektive der reisenden Beobachter, die zwar etwa das Straßenleben Pekings, aber nicht ,China' mit eigenen Augen erfassen konnten. Zugleich barg die Beschreibung der lokalen Ebene jedoch die Chance zur Verallgemeinerung auf einer tieferen Ebene, denn das Lokale konnte sozusagen eine Chiffre für das ,Asiatische' schlechthin sein, regte aber zugleich - wie Osterhammel immer wieder zeigt - die Erstellung der "ungemein gründlichen ortskundigen Beschreibungen (surveys)" an, "welche die Briten seit dem späten 18. Jahrhundert in den neu eroberten Gebieten Indiens unternahmen." (S. 31). Auf kontinentaler Ebene schließlich beschäftigte man sich mit dem, was als ,typisch asiatisch' bewertet wurde. Hier werden auf der Zeitachse auch Verschiebungen bei der Grenzziehung zwischen Asien und Europa sichtbar: "Das Osmanische Reich wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer deutlicher als ,asiatische', also un-europäische Macht wahrgenommen. Wer von Asiaten sprach, meinte am Ende des 18. Jahrhunderts fast immer auch Türken, Araber und Perser." (S. 31)

Ein Blick durch das 65 (!) Seiten umfassende Quellen- und Literaturverzeichnis zeigt, daß Reiseberichte jeder Art aus dem 17. bis frühen 19. Jahrhundert die Materialbasis sind, auf der Osterhammel seine Darstellung des europäischen Asienbildes aufbaut. Nicht weniger beeindruckend wie die Vielfalt der überwiegend deutschen, französischen und englischen Quellen, die der Autor konsultiert hat, ist die Sorgfalt, mit der Osterhammel ihre Präsentation in den Gang seiner Untersuchung einfügt. Das Buch zerfällt in zwei große Teile: in "Wege des Wissens" (S. 41-208) geht der Autor vor allem der Frage nach, durch welche Kanäle und Medien Meinungen und Informationen über Asien nach Europa gelangten und wie schließlich daraus das Mosaik der Asienbilder formiert wurde. Dieser Teil ist selbst wiederum in sechs Abschnitte gegliedert, dessen erster "Grenzen, Gleichgewichte (und) Hierarchien" der europäisch-asiatischen Beziehungen und damit auch das voraufklärerische Verhältnis Europas und Asiens mit Hilfe ausführlich diskutierter Quellen beleuchtet. Ebenso werden anhand des Osmanischen Reiches, dessen Image zwischen "(e)uropäischer Großmacht" und "barbarischer Fremdkultur" changierte bzw. anhand der Begegnung Europas mit Asien i n n e r h a I b des russischen Imperiums Wandelbarkeit und Kontextualität des Asien-Begriffes erläutert. Nach minutiöser Schilderung einzelner Fallbeispiele befaßt sich der letzte und längste Abschnitt (S. 176-208) mit dem Thema "Berichten, edieren, lesen: Von der Erfahrung zum Text", wohl eines der gelungensten Kapitel des ganzen Buches, das auch für Literaturwissenschaftler von großem Interesse sein dürfte. Denn hier werden die Möglichkeiten und Grenzen fremdkulturellen Verstehens mit Hilfe des dabei am häufigsten verwendeten Mediums, der geschriebenen Texte, am Beispiel verschiedener Textsorten und Gattungen erörtert.

Der zweite Teil "Zeitgenossenschaft und Geschichte" (S. 211-403), ebenfalls in sechs Abschnitte gegliedert, ist der durchweg geglückte Versuch, aus der Fülle des Materials die Grundzüge einiger Diskurse über "Asien" herauszudestillieren, die in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen z.T. bis in die Gegenwart die Diskussion bestimmen und darüber hinaus das Asienbild der europäischen Öffentlichkeit mitunter nicht unerheblich geprägt haben und prägen. Dazu gehört der Topos der "orientalischen Despotie" ebenso wie der des "asiatischen Reiterkriegers", das "bürokratische Management" der chinesischen Gesellschaft ebenso wie die Konstatierung des "Maskenhaften" der zwischenmenschlichen Beziehungen, dem man den offenen Ausdruck von Gefühlen als Qualität des Verkehrs der Menschen im aufgeklärten Europa gegenüberstellte - und allenthalben der Zusammenhang von Klima, Verhaltensweisen und Kultur, der am Beispiel der Gesellschaften Asiens immer neu illustriert wurde. Nicht anders als in der Gegenwart enthalten auffallend viele Asienberichte des 18. Jahrhunderts eigenständige Reflexionen oder Abhandlungen über die Lage der Frauen. Osterhammel zeigt hier nebenbei, daß der ganz überwiegend männliche Blick aber nicht allein von exotisierender Lüsternheit geführt wurde - wie eine Saids Orientalismus-Argument trivialisierende These mitunter glauben machen möchte -, sondern durch eine privilegierte Beobachterrolle gelegentlich überraschende und differenzierte Erkenntnisse z.B. über Sphäre und Funktion des Harems gewonnen werden konnten. Osterhammel hat dies anhand der Berichte von Alexander und Patrick Russell, britischen Konsulatsärzten in Aleppo, gezeigt, die damit die "bei weitem ausführlichste und tiefste Analyse des Harems in der europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts" (S. 356) vorlegten. Natürlich finden sich schon in den Texten des 17. und 18. Jahrhunderts zahlreiche Belege "(f)ür die Auffassung des Orients als einer sexuell enthemmten und perversen Gegenwelt, die auch - ein recht offensichtlicher Zusammenhang - als Projektionsfläche für eigene unterdrückte Triebregungen dienen mochte" - aber: "Dieses Bild hatte indes im 18. Jahrhundert noch nicht den überragenden Stellenwert, den es im Exotismus des späteren 19. Jahrhunderts gewinnen sollte." (S. 353) So resümmiert Osterhammel hinsichtlich der im Jahre 1794 von den Brüdern Russell vorgelegten Natural History of Aleppo: "Dieser Text widerspricht aller ,postkolonialen' Theorie des späten 20. Jahrhunderts; er entzieht sich dem Stereotyp, dem angeblich die europäische Welterfassung nicht entgehen kann." (S. 356)

Es ist kaum zu sagen, was an dieser Studie mehr fasziniert: Die detaillierten Einzelanalysen und Auswertungen zahlreicher, vielfach kaum bekannter Quellen, oder die differenzierte, aber dennoch scharf konturierte Darstellung einzelner europäischer Denkfiguren über Asien, die seltsam vertraut erscheinen. "(D)as 18. Jahrhundert ist uns in mancher Hinsicht fremd", konstatiert Osterhammel in der Vorbemerkung seines Buches (S. 11). Doch stellt sich nach seiner Lektüre zugleich das eigentümliche Gefühl ein, am Ende des 20. Jahrhunderts gar nicht sehr weit von manchen Positionen des 18. entfernt zu sein. Einen Schlüssel zum Verständnis dieses für ein an linearem Fortschritt orientierten Geschichtsbildes eher paradoxen Symptoms liefert die Interpretation des 19. Jahrhunderts, das Osterhammel als eine "lange Phase der Verdunkelung des nichtokzidentalen Rests der Welt" bezeichnet, in dem es eben keinen stetigen "Fortschritt im angemessenen Begreifen oder Repräsentieren außereuropäischer Zivilisationen" gegeben habe (ebd.). So hat Osterhammel den Eindruck nachhaltig untermauert, daß das gebildete Lesepublikum Europas im späten 18. Jahrhundert vermutlich breiter z.B. über China informiert und am Reich der Mitte interessiert war als 200 Jahre später. In einer seiner Vorstudien hatte Osterhammel diesen Prozeß der Verdrängung des Wissens über die außereuropäischen Welten bereits präzise erfaßt und beschrieben:


Im zweiten Quartal des 19. Jahrhunderts verschwindet die Geschichte der außereuropäischen Welt aus dem Bildungshorizont des bürgerlichen Publikums und aus dem Themenkreis von allgemeiner Fachhistorie und geschichtsphilosophischer Spekulation. Universalgeschichte behandelt fortan die Weltgeschichte Europas. Die nichteuropäische Welt, namentlich Asien, verflüchtigt sich ebenso aus anderen, bis dahin vielfach kulturvergleichenden Mainstream-Diskursen wie der politischen Ökonomie und der politischen Theorie. Interesse an Wissen über Außereuropa geht nicht verloren, doch es wandert in eher periphere Zonen des europäischen Bewußtseins, vor allem: 1) in die sich nun professionalisierenden orientalistischen Disziplinen, die sich als altertumskundliche Philologien verstehen; 2) in eine enthistorisierte Geographie sowie in neue geschichtsferne Fächer wie Religionswissenschaft, Völkerpsychologie und Ethnologie; 3) in den Bereich kolonialpraktischen Herrschaftswissens; 4) in eine exotisierende und orientalisierende Popularliteratur.[9]
Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts scheinen Teile der außereuropäischen Welt, vor allem vielleicht Ostasien, in die Wahrnehmung des Mainstream-Diskurses der westlichen Gesellschaft zurückzukehren. Nachdem das 19. Jahrhundert als Umweg, wenn nicht als Irrweg mit z.T. katastrophalen Folgen für die außereuropäische Welt gesehen wird, stellen sich daher heute hinsichtlich fremdkulturellen Verstehens annähernd die gleichen Grundfragen wie im 18. Jahrhundert. Manche Einsicht, die man als Ergebnis der kritischen oder postkolonialen Theorie des späten 20. Jahrhunderts zu kennen glaubt, wurde ähnlich bereits von Reisenden oder Gelehrten des 18. Jahrhunderts formuliert, die Teile Asiens aus eigener Anschauung kannten oder längere Zeit dort gelebt hatten. Osterhammel liefert dafür zahlreiche Beispiele; am eindrücklichsten bleibt vielleicht die Auseinandersetzung des französischen Gelehrten und Indienkenners Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron (1731-1805) mit der Despotie-Theorie Montesquieus im Gedächtnis, welche nachhaltig zur Verfestigung des Bildes von der "orientalischen Despotie" als typisch asiatische Herrschaftsform beigetragen hat.

Anquetil-Duperrons Argumentation wird von Osterhammel detailliert nachgezeichnet (S. 293ff.) und weist den französischen Gelehrten als Entdämonisierer des europäischen Asienbildes aus. Nicht nur in diesem Falle wird die Bedeutung von gründlichen Landes- und Sprachkenntnissen als Voraussetzung fremdkulturellen Verstehens hervorgehoben, ein Desiderat, das beispielsweise aus der Diskussion um die teils problematische Asienberichterstattung heutiger Medien nicht unbekannt ist. Die Strategie Anquetil-Duperrons, der der Theorie des großen Montesquieu den differenzierten und polyphonen Befund der Originalquellen entgegenstellt, ist noch heute nachdrücklich zu empfehlen:

Anquetil-Duperron jagt die Thesen der Theorie durch die Mühle einer kommentierten Zitatencollage, bis von ihnen wenig übrigbleibt. Aus der strikten Opposition von Ost und West wird eine Vielzahl fein abgestufter politischer und gesellschaftlicher Möglichkeiten. Die dramatisierende Verfremdung orientalischer Politik wird in die Sphäre von Erfahrung und Triftigkeit zurückgeholt. Auch die Frage, warum der Despotiediskurs zur scharfen Polarisierung drängte, hat sich Anquetil gestellt. Nicht immer liegen die Dinge so offen auf der Hand wie bei einem Reisenden, von dem es heißt, er habe in den 1680er Jahren seine Attacke auf die Türken im Auftrag des Papstes geschrieben. Anquetil kommt zu dem Ergebnis, die Despotietheorie sei letzten Endes die Ideologie von Eroberern und Plünderern. Wenn man sich einredet, es gehe im Orient politisch rauher zu, wenn man dies noch durch Berufung auf ein unveränderliches Klima untermauert, dann sind die eigenen Brutalitäten leicht zu entschuldigen. Unter der Annahme, die Inder seien nicht an Eigentumsrechte gewöhnt [eine These, die Anquetil durch zahlreiche Belege falsifiziert hatte, K.V.], könne man sie ruhigen Gewissens ausplündern und sich ihres Grundes und Bodens bemächtigen. (S. 295)
Auch wenn sich diese kritische Haltung nicht verallgemeinern läßt, stand Anquetil mitnichten allein da. Charles William Boughton Rouse (1747-1821) wirkte als hoher Beamter der britischen East India Company in Bengalen und als Unterhaus-Abgeordneter in London und war überdies als Übersetzer aus dem Persischen tätig. Osterhammel zieht das Fazit aus Rouses ausführlicher Untersuchung, die die Existenz von vererblichem Grundbesitz in Indien bestätigt hatte und von der Kolonialmacht daher die Anerkennung der einheimischen Besitzverhältnisse verlangte:
Die Darstellung einer asiatischen Gesellschaft als das ganz Fremde bedeute, so seine wichtigste Erkenntnis, nicht die tolerante Anerkennung von Andersartigkeit, sondern die Verabsolutierung eigener beschränkter Maßstäbe. Differenzkonstruktion schafft nicht Raum für Toleranz, sondern bestätigt die Überlegenheit des Betrachters und Kulturrichters. Rouse konnte in der britischen Indienpolitik seine Auffassung nicht durchsetzen. Man wundert sich nicht. (S. 297)
Auch diese Konfliktlinien wirken seltsam vertraut. Vielleicht liegt dies daran, daß Asien für die Aufklärer des 18. Jahrhunderts und ihre universal und vergleichend angelegte science de l'homme - zugleich "von einem breiten Publikumsinteresse an allem Asiatischen begleitet" - jenes "selbstverständliche und zentrale Feld von Welterfahrung" (S. 12) war, welches es unter gänzlich veränderten Bedingungen Ende des 20. Jahrhunderts wieder zu werden beginnt?

Im letzten Kapitel seines Buches hat Osterhammel einige Ursachen und Bedingungen für den "Aufstieg des Europazentrismus" um 1800 und danach skizziert. Hier faßt er zu Beginn, vielleicht eine Spur zu optimistisch, noch einmal die Voraussetzungen zusammen, unter denen man im Zeitalter der Aufklärung Asien begegnete und nennt dabei auch einige seiner ,Helden', deren Aufzeichnungen er immer wieder als Belege herangezogen hat:[10]

Die gesellschaftliche Vielfalt Asiens wurde in Europa sorgfältig beobachtet. Sie ließ sich nicht in enge Schemata des ,Barbarischen' zwängen und wurde nicht in einen besonderen ethnologischen Diskurs abgedrängt. Einer universal vergleichenden Gesellschaftsbetrachtung war die Scheidung zwischen einer Wissenschaft fur das Eigene - der Soziologie - und einer solchen für das Fremde - der Völkerkunde - noch unbekannt. Die Ordnungen und Lebensformen des zivilisierten Asien wurden bei Reisenden wie Kaempfer, den Brüdern Russell, Niebuhr oder Volney zu Gegenständen einer detailgenauen Soziographie und bei Theoretikern wie Montesquieu oder Adam Ferguson zu Anstößen für die Begründung der Soziologie aus dem Geiste kultureller Differenz. Der Blick auf ein Anderes, das nicht unbedingt als ein unkommensurabel Fremdes erschien, schärfte das Verständnis für das Eigene. Europäische Gesellschaftsformen traten um so profilierter hervor, je klarer sie in ihren Besonderheiten von denen Asiens abgehoben werden konnten. Asien war Europa vergleichbar, solange sich Europa noch nicht für unvergleichlich hielt. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen sich, wie Niklas Luhmann formuliert hat, ,eine Europazentrierung des Kulturvergleichs und eine Modernitätszentrierung des geschichtlichen Rückblicks' durchzusetzen. (S. 378)
Osterhammel hat den von ihm untersuchten Zeitraum auch als Epoche der "Entzauberung Asiens" bezeichnet. Dies sei "ein doppelsinniger Prozeß von widersprüchlicher Wertigkeit" gewesen, weil die so verfügbar gemachte Welt einerseits ihren 'Zauber', ihr ,Geheimnis' verlor, andererseits aber zugleich ein Rationalitätsgewinn erzielt wurde, der auch in einen Zuwachs an Verstehen und Verständnis einmündete: "Für eine kurze Zeit wurden Araber, Inder, Perser oder Chinesen zu entfernten Nachbarn, mit denen sich trotz offensichtlicher Kommunikationsschwierigkeiten ein durch ethnologische Rücksichten kaum verzerrter Dialog führen ließ. Spätestens der im frühen 19. Jahrhundert aufkommende Rassismus, gleichsam der finstere Zwilling einfühlsamer Romantik, machte diese Chancen zunichte." (ebd.) Auch dieser letzte Satz läßt sich - als zukunftsgerichtete Warnung - mühelos auf die interkulturelle Situation der Gegenwart beziehen. Daher ist dieses Buch über das Verhältnis Europas zu Asien im 18. Jahrhundert auf seine Weise zugleich von hoher Aktualität.

Klaus Vollmer, München


Fußnoten

[1] Zitiert nach Jürgen KAUBE: "Startvorteil", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.97, N 5.Linkspfeil

[2] Ebd.; s.a. Jared DIAMOND: Guns, Germs, and Steel. London: Jonathan Cape 1997; deutsche Ausgabe erschien 1998 unter dem Titel Arm und Reich bei S. Fischer.Linkspfeil

[3] Zitiert nach der deutschen Ausgabe, siehe Barry CUNLIFFE (Hrsg.): Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas. Frankfurt a.M. (u.a.): Campus 1996, S. 11 f.Linkspfeil

[4] KAUBE 1997.Linkspfeil

[5] Urs BITTERLI: Die ,Wilden' und die ,Zivilisierten'. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung. München: C.H. Beck 1976; Gerd Stein gab im Rahmen seiner "ethnoliterarischen Lesebücher" zu Beginn der 80er Jahre eine Anthologie von Quellenexzerpten heraus, in denen auch einige der Autoren zu Wort kommen, deren Werk Osterhammel untersucht: Gerd STEIN (Hrsg.): Die edlen Wilden. Die Verklärung von Indianern, Negern und Südseeinsulanern auf dem Hintergrund der kolonialen Greuel. Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1984 (= Ethnoliterarische Lesebücher, Bd. 1), DERS. (Hrsg.): Exoten durchschauen Europa. Der Blick des Fremden als Stilmittel abendländischer Kulturkritik. Von den Persischen Briefen im 18. Jahrhundert bis zu den Papalagi-Reden des Südseehäuptlings Tuiavii im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1984 (= Ethnoliterarische Lesebücher, Bd.2), DERS. (Hrsg.): Europamüdigkeit und Verwilderungswünsche. Der Reiz, in amerikanischen Urwäldern, auf Südseeinseln oder im Orient ein zivilisationsfernes Leben zu führen. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1984 (= Ethnoliterarische Lesebücher, Bd. 3).Linkspfeil

[6] Edward W. SAID: Orientalismus. Frankfurt a.M. (u.a.): Ullstein 1981 (Ullstein Materialien).Linkspfeil

[7] Zu nennen wären etwa Julia KRISTEVA: Die Chinesin. Die Rolle der Frau in China. Frankfurt a.M. (u.a.): Ullstein 1982 (Ullstein Materialien) oder Tzvetan TODOROV: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985 (= es 1213).Linkspfeil

[8] So zählte der Rezensent in diesem ansonsten sorgfältig gestalteten Buch allein zwischen den Seiten 54 und 147 zwölf Druck- oder Schreibfehler.Linkspfeil

[9] Jürgen OSTERHAMMEL: "Neue Welten in der europäischen Geschichtsschreibung (ca. 15001800)", in: Wolfgang KÜTTLER/JÖRN RÜSEN/Ernst SCHULIN (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. Band 2: Anfänge modernen historischen Denkens. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994; S. 202-215, S. 202.Linkspfeil

[10] Außer den im Zitat genannten Gelehrten und Reisenden Engelbert Kaempfer, Carsten Niebuhr, den Brüdern Russell, Montesquieu, Ferguson und dem Comte de Volney bezieht sich Osterhammel immer wieder auf die Texte von John Chardin, Voltaire, Edward Gibbon, Anquetil-Duperron (s.o.), Joseph von Hammer-Purgstall u.a.; "(i)m Hintergrund stehen Diderot, Georg Forster und Alexander von Humboldt, von denen man nur ahnen kann, was sie über Asien geschrieben hätten." (S. 13).Linkspfeil